



Die 2010er Jahre erinnern aufgrund der vielen weltweiten Proteste an die Demonstrationen der 1960er und 70er Jahre. Die Probleme und Beweggründe ähneln sich sogar, sind aber noch diverser und globaler als in den früheren Jahrzehnten. Bemerkenswert ist: während die Gesellschaft zunehmend am heimischen Bildschirm der Realität entflieht, bleibt die Straße die unumstrittene Plattform für kollektiven Protest und Positionierung gegenüber der Welt. Also der Ort, wo sowohl Missstände als auch Vielfalt am schnellsten sichtbar werden.

Von Tunesien über Ägypten und Libyen bis nach Syrien: Der Arabische Frühling wird zum internationalen Aufbegehren – getragen von jungen Stimmen, sozialen Medien und dem Glauben an Veränderung. Moises Saman dokumentiert die Bewegung bereits, als noch die letzten verzweifelten Inszenierungen der Gaddafi-Regierung in Libyen stattfinden. Philipp Spalek nimmt später Kairo in den Blick.

Das Symbol in dieser Dokumentation der deutschen Proteste gegen Atommülltransporte, steht schon lange für den umweltbewussten, zivilen Widerstand in Europa. Mit der Reaktorkatastrophe von Fukushima 2011 erhalten dann auch die Bilder von Michael Jungblut selbst weltweite Symbolkraft – als bestätigte Warnung vor den Risiken der Atomenergie.

Der Protest von 2011 richtet sich ausnahmsweise nicht gegen eine Regierung, sondern gegen das Finanzsystem und die Folgen der Finanzkrise. We are the 99 % wird zur zentralen Botschaft – ein Aufschrei gegen die extreme Macht- und Wohlstandskonzentration des obersten einen Prozents. Anthony Suau dokumentiert, wie aus einem lokalen Camp eine globale Debatte über ökonomische Gerechtigkeit entsteht.

Was 2013 als Widerstand gegen die Bebauung eines Parks in Istanbul beginnt, wird zur größten Protestbewegung der modernen Türkei. Alice Martins begleitet hier vier Frauen, die im Widerstand gegen Repression und Polizeigewalt zu Symbolfiguren des Muts und gesellschaftlichen Aufbruchs werden.

Die Wahl von Donald Trump zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika sorgt in vielen Teilen des Landes für demonstrativen Widerstand. Besonders stark sind die Reaktionen in Oakland und L.A., wo auch die hier gezeigte Aufnahme von Bil Brown entsteht.

Am 21. Januar 2017 gehen weltweit Millionen Menschen auf die Straße, um für Frauenrechte und gesellschaftlichen Respekt zu demonstrieren. Der Women’s March, ebenso ausgelöst durch die Amtseinführung Trumps, wird zur größten eintägigen Protestbewegung der US-Geschichte.

Seit Jahrzehnten steht die globale Pride-Bewegung für Sichtbarkeit, Gleichberechtigung und Selbstbestimmung der LGBTQIA+-Community. Das Bild von Christopher Edwards erinnert stellvertretend daran, dass die echte Akzeptanz des Andersseins weiterhin keine Selbstverständlichkeit ist.

Im Sommer 2019 kommt es in Hongkong zu anhaltenden Straßen-Demonstrationen. Auslöser ist ein Auslieferungsgesetz, das eine juristische Übergabe von Verdächtigen an China ermöglichen sollte. Die Proteste entwickeln sich zu breiteren Kundgebungen für gesellschaftliche Mitbestimmung.
