1988

Leica GmbH in Solms

Die Kamera wird zur Marke, und zieht aus

61 Jahre nach Einführung der Leica I passiert, was in der Produktentwicklung als höchste Auszeichnung zu verstehen ist: Der Produktname wird zur Eigenmarke. Die gesamte Fotografiesparte der Firma Leitz wird ab 1986 offiziell zur Leica GmbH. Im Zuge der neuen Selbstständigkeit bezieht Leica 1988 auch gleich ein neues Werk in Solms, nahe der Mutterstadt Wetzlar. Im Folgejahr entsteht dann die Leica Gruppe, die auch internationale Standorte unter das neue, wenn auch längst etablierte Leica Dach bringt.

Schwarz-Weiß-Bild des Leica Werks in Solms mit leerem Parkplatz davor.
In neuem Namen
Leica Oskar Barnack Award Logo

LOBA 1981–89

Gegen das Elend

Die ersten Gewinner des Leica Oskar Barnack Awards in den 1980er-Jahren konzentrieren sich auf die Schattenseiten jener kontrastreichen Zeit, die von menschgemachten Miseren und Konflikten erzählt. Mittendrin blitzen jedoch immer wieder Momente des Widerstands, der Hoffnung und Würde auf. Im abwechslungsreichen Spannungsfeld zwischen Elend und Zuversicht wird der LOBA von Beginn an zu einer Bühne für beachtenswerte, humanistische Geschichten und somit: authentisch dokumentierte Zeitgeschichte.

Schwarz-Weiß-Bild eines Arztes mit Mundschutz, der einem Mädchen mit großen Brandwunden die Wange streichelt und die Hand hält.
Kind durch Verbrennungen verletzt – die achtjährige Jessica und ihre neue Haut 1981, Björn H. Larsson Ask

1981


Björn H. Larsson Ask
Nach Floris Bergkamp wird Larsson Ask zum zweiten Gewinner eines LOBA gekürt. Seine schonungslose Serie, die ein mit Brandwunden übersätes Mädchen bei Hauttransplantationen und Genesung begleitet, macht mit empathischem Blick greifbar, welcher Schmerz und welche Zähigkeit menschliche Heilung bedeutet. Sie spiegelt sowohl medizinischen Fortschritt als auch existenzielle Grenzerfahrungen auf eindrücklich persönliche Art wider.


Schwarz-Weiß-Porträt von einem Vater und seinem Sohn mit verformten Gesicht.
Die Folgen von Agent Orange 1982, Wendy Watriss

1982


Wendy Watriss
Während Politik und Weltgeschichte fast ignorant weiterzuziehen scheinen, attestiert Wendy Watriss‘ Reportage die langwierigen und dramatischen Auswirkungen von Kriegsentscheidungen und -Verbrechen: Körperliche Versehrtheit und soziale Isolation bestimmen das Leben der hier gezeigten Veteranen, die nach dem Vietnamkrieg mit den Folgen von Agent Orange leben müssen. In den frühen 80ern, während die USA neu gerüstet in den Kalten Krieg treten, wirken diese Bilder wie ein mahnendes Gegengewicht.


Schwarz-Weiß-Porträt eines älteren Farmers mit Hut und entschlossenem Blick.
Charlie und Wilhelm 1983, Neil McGahee

1983


Neil McGahee
McGahee porträtiert zwei alte Farmer in Minnesota, die um die Erhaltung ihres eigenen Lebensstils kämpfen. In ihren Gesichtern und Gesten zeigt sich die Härte des Landlebens, aber auch ihr natürlicher Stolz und ihre Beständigkeit. Die Serie hält eine Welt und dazugehörige Werte fest, die im Schatten der Urbanisierung und fortschreitenden Technologieentwicklung der 80er unterzugehen drohen.


Schwarz-Weiß-Porträt einer betagten Dame im Altersheim, die nachdenklich auf einem Stuhl sitzt.
Ein Leben von 100 Jahren: Meilenstein oder Mühlstein 1984, Stormi Greener

1984


Stormi Greener
In einer von Jugendkultur geprägten Epoche rückt Greener ein Thema ins Zentrum, das sonst oft unsichtbar bleibt: Würde und Wert des langen Lebens. Ihre Serie begleitet eine 106-jährige Frau in ihrem Alltag. Intime Szenen von Körperpflege, Essen und stiller Routine geben Einblick in das Altern als universelle Erfahrung.


Schwarz-Weiß-Bild von in Tüchern eingewickelten Äthiopiern in der sandverwehten Wüste.
Hungersnot in Äthiopien 1985, Sebastião Salgado

1985


Sebastião Salgado
Seine Bilder von ausgemergelten Körpern und erschöpften Blicken rütteln die Weltöffentlichkeit auf: Salgado dokumentiert die Hungersnot in Äthiopien, in seiner unnachahmlich anmutigen Art, die die Dramatik des Themas aber nur noch verschärft. Diese Serie steht exemplarisch für seinen humanistischen Stil: episch, kraftvoll, politisch. Inmitten globaler Wirtschaftskrisen werden die Fotografien so zu Zeugnissen der brutalen Folgen struktureller Ungleichheit.


Farbige Dame mit verzerrtem Blick und geschlossenen Augen hält mit einer Hand ein Tuch hoch.
Südafrika 1985, David Turnley

1986


David Turnley
Szenen von Gewalt, Demütigung, dem Kampf um die eigene Würde und ein von Hoffnung verdichteter historischer Umbruchswille: Turnleys Südafrika-Serie aus der Mitte der Gesellschaft, Mitte der 80er, zeugt von einem zutiefst menschlichen Blick auf die scharfen Kontraste vor Ort. Er bestätigt und befeuert damit sowohl den Freiheitskampf im Land als auch die weltweit aufkommende Kritik gegen die vorherrschende Rassentrennung.


Schwarz-Weiß-Bild von der Spitze einer Demonstranten-Gruppe die mit Fahnen und Flaggen über eine Brücke in einer Großstadt laufen.
Cottonwood-Pass – Friedensmarsch für die weltweite atomare Abrüstung 1987, Jeff Share

1987


Jeff Share
Inmitten der späten Phase des Kalten Krieges dokumentiert diese Serie eine Bewegung, die gemeinsam und unerschütterlich an den Frieden glaubt und deren Mitstreiter ihre persönliche Zukunft einer gesellschaftlich friedvollen widmen. Der internationale Friedensmarsch für atomare Abrüstung, den Share über neun Monate begleitet, wird auch zum indirekten Widerstand gegen die immer bequemer werdenden Vorzüge des Kapitalismus und der Politikverdrossenheit.


Eine Hochzeitsgesellschaft beim Essen, der Bräutigam ohne Arme löffelt seine Suppe mit dem Fuß.
Lernen, mit dem Contergan-Problem zu leben – 20 Jahre danach 1988, Christopher Steele-Perkins

1988


Christopher Steele-Perkins
Diese Serie widmet sich den Überlebenden des Contergan-Skandals – dem Medikament, das in den 1960er-Jahren Schwangeren gegen Übelkeit verschrieben wurde und bei tausenden Kindern schwere Fehlbildungen verursachte. Steele-Perkins zeigt sie Jahrzehnte später in ihrem Alltag, nicht als Opfer ihres Schicksals, sondern voller Würde und Selbstakzeptanz. In den 1980ern, geprägt von Fortschrittsglauben, wird die Serie gerade dadurch zur generationsübergreifenden Mahnung: für medizinische Verantwortung.


Nahaufnahme, eine Gruppe Indigener im Schnee streichelt einen weißen Wal dessen Kopf aus dem freigelegten Eiswasser ragt.
Die Geschichte der eingeschlossenen Grauwale 1989, Charles Mason

1989


Charles Mason
Die Rettungsaktion dreier Grauwale, die in Alaska im Eis gefangen waren, wird zur internationalen Mediensensation. Mason dokumentiert den besonderen Geist dieser kollektiven Anstrengung über 11 Tage hinweg. Er mischt sich dafür unter die vielfältige Gruppe von Indigenen bis zu Greenpeace-Aktivisten und zeichnet, inmitten geopolitischer Spannungen kurz vor Ende des Kalten Krieges, ein anderes, universelles Bild von Solidarität – zwischen Menschen, für die Natur.


Schwarz-Weiß-Bild einer großen Menschenmenge die sich auf und vor der Berliner Mauer sich versammelt, im Hintergrund das Brandenburger Tor.
Fall der Mauer, am Brandenburger Tor, Berlin 1989, Barbara Klemm
© Barbara Klemm

Die Mauer fällt, der Vorhang geht auf

Auf den Straßen Berlins verschmelzen Emotion und Geschichte in noch nie dagewesener Art: Jubelnde Menschen auf der von Hand zerschlagenen Mauer, Tränen in den Gesichtern, Politiker, Musiker und Prominente im Rampenlicht. Die deutsche Wiedervereinigung wird zum weltweiten, symbolischen Schauspiel, das zwischen bewegend echten Einzelschicksalen und ehrlicher Freiheitshoffnung auch jede Menge Raum für mediale und politische Inszenierung lässt. Ein unvergessliches Drama. Auf der Bühne der Einheit.

Aus der Menge heraus fotografierte Menschen die ein Teil der Berliner Mauer zerstört, auf dem abgebrochenen Teilstück das von vielen Händen gestemmt wird steht ein Mann mit großer Deutschlandflagge.
Der Fall der Berliner Mauer. Menschen von Ost und West treffen sich auf dem Potsdamer Platz 1989, Stéphane Duroy
© Stéphane Duroy / Agence VU
Schwarz-Weiß-Bild eines Teils der stark mit Botschaften bemalten Berliner Mauer auf der ein Mann gerade die Betonsicherung von oben entfernt.
Szenen Maueröffnung 1990, Günter Bersch
© Bundesstiftung Aufarbeitung, Günter Bersch, Bersch-040-A070-2017
TEST
Schwarz-Weiß-Bild eines älteren Pärchens das lächelnd vor den Resten der Berliner Mauer mit Einkaufstaschen posiert.
Gesichter hinter der Mauer

Menschen mit AIDS

Aids trifft die 1980/90er wie ein Schock: neu, tödlich, stigmatisiert. Doch für viele bleibt die Krankheit unsichtbar, was gleichzeitig zu abstrakten Ängsten und zur Ignoranz der Gefahren führt. Zwei bewegende Bildserien stellen sich dem entgegen, machen die Konsequenzen von Aids emotional greifbar.

Atmosphärisches Schwarz-Weiß-Porträt eines Pärchens das Kopf an Kopf auf einem Krankenhausbett in der Aids-Station sitzend Händchen hält und lacht.
Die Station, André mit seiner Mutter 1993, Gideon Mendel
© Gideon Mendel

Erwachsene mit AIDS


1993 dokumentiert Gideon Mendel in seiner Serie The Ward das Leben junger Erwachsener auf einer der wenigen AIDS-Stationen Londons – vor der Einführung wirksamer Therapien. Seine Bilder zeigen Fürsorge, Nähe, Akzeptanz und Abschied und werden zum mutigen Zeugnis von verlorenem Schicksal.


Schwarz-Weiß-Bild eines kleinen aidskranken Jungen, der im Krankenhausbett liegt während Erwachsene beide seiner Hände halten.
Anthony, am Tag bevor er starb, mit Schwester Connies und Abagails Hand 1990–2002, Claire Yaffa
© Claire Yaffa  

Kinder mit AIDS


Über die kompletten 90er Jahre hinweg zeigt Claire Yaffa mit ihren dramatischen Bildern aus einer speziellen New Yorker Pflegeeinrichtung für aidskranke Kinder, wie weit Liebe und Zuneigung über dem sicheren Verlust stehen. Sie verleiht der unaufhaltsamen Krankheit damit ein besonders menschliches, und entsprechend fatales, Gesicht.


Traum oder Wirklichkeit?

Irgendwo zwischen künstlerischer Inszenierung und dem unverfälschten Blick für die Realität: Mitte der 1990er verändern die gleichzeitig rasant zunehmende Flexibilität in der Fotografie und der Reisemobilität auch den Blick auf Landschaften. Es entstehen, im doppelten Sinne, fantastische Serien, die durch strahlende Farben, ungewohnte Perspektiven und höchste Bildqualität paradoxer Weise dafür sorgen, dass man deren echte Natur erst auf den zweiten Blick erkennt.

Eine surreal und wie ein Auge wirkende, blau-strahlende Quelle aus der Vogelperspektive, umfasst von goldener, brauner und grauer Steinstruktur.
Grand Prismatic Spring, Yellowstone National Park 1999, Norbert Rosing
© Norbert Rosing
Roter Sandsteinfels mit schmaler Felsspalte, durch die warmes Sonnenlicht scheint und die Felsen in leuchtendes Orange taucht.
Der „glühende Felsen“ im Altschlossfelsen bei Eppenbrunn im Pfälzerwald 2000, Norbert Rosing
© Norbert Rosing
Ein weißes Segelboot das weit von oben aus der Vogelperspektive fotografiert, alleine über eine malerischen grün-blauen Kanal zwischen Sandbänken und Inseln fährt.
Segelboot zwischen den Inseln Hiddensee und Bock im Baltischen Meer 1992, Norbert Rosing
© Norbert Rosing
Ein von goldenem Licht überflutetes Feld auf dem vereinzelte Bäume stehen, die im leichten Nebel traumhaft schöne Schatten werfen.
Blick in das „Totengrund“ Tal der Lüneburger Heide 2000, Norbert Rosing
© Norbert Rosing
Sandsteinformation in Arizona mit geschwungenen, orange-weißen Felslinien, die wie Wellen durch die Landschaft fließen, unter blauem Himmel mit einzelnen Wolken.
Die weltberühmte Sandsteinformation „The Wave“ in Arizona 1996, Norbert Rosing
© Norbert Rosing
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